Huxley und Hollebecq oder wie Geschichte mal ausgehen könnte

Huxley und Hollebecq oder wie Geschichte mal ausgehen könnte

Beitragvon Benn » Mi 7. Jun 2017, 21:01



hey leute das nachfolgende ist gar nicht mal so weit weg davon entfernt, wie Ihr die welt seht, schaut mal hier, aber hollebecq legt auch noch nicht alle Karten auf den Tisch. Er fuchtelt noch weiter in zusamenreimen herum, und versucht sich in einer noch immer adultuistischen herangehgensweise, die ( mutmasslichen oder höchstwahrscheinlichen ausgänge der) welt zu erklären, .Das nachfolgende hab ich hier auasschnittsweise geklaut und etwas ausgebaut /ergänzt phil spass beim lesen: Das ganze teil -wo jemand seinen DOKTOR für (also schon mal typisch daneben) bekommen hat findet sich im original hier

http://hss.ulb.uni-bonn.de/2009/1966/1966.pdf

von Benn


Die sexuelle Befreiung der 60er Jahre, die zu ihrer Zeit als Triumph über die Entfremdung in der autoritären Gesellschaft" angesehen wurde, wird in Hollebecqs "Elementarteilchen" permanent massiv angegriffen. In der Wahrnehmung und dem Erleben der Romanfiguren Bruno und Michel liefert sie die fatale Grundlage für die ungehemmte Dominanz der liberalisierten Sexualität u bewirkt letztlich die Zerstörung jeglicher Paarbindung und der Familienstruktur, trennt alle bestehenden menschlichen Gemeinschaften und lässt die Individuen ( in der Ausdifferenziertheit ihres sexuellen Verlangens – spätestens im Alter) völlig isoliert zurück. Houellebecqs Protagonisten gehen aus dem Kampf um den (individuell ausdifferenzierten) Reiz hervor. Ihre Biographie bestätigt die These einer gesellschaftlichen Kampfzone. Als Erwachsener muss ein so sozialisierter/ sich selbst sozialisierender Mensch schmerzlich erfahren, dass er im Kampf um die Sexualität unterlegen ist. Er lebt daraufhin völlig zurück gezogen. Wenn er seine Wohnung verlässt, begegnet er anderen „Elementarteilchen“, deren Verhalten in etwa so beschrieben werden kann: sie locken und weisen zurück, sie ziehen sich an und stoßen sich ab, kaum, dass sie selbst eine Vorstellung davon hätten, was ihnen widerfährt. Wenn sie sprechen, dann reden sie nicht miteinander, sondern halten Monologe..

Die „sexuelle Befreiung“ während der 60er Jahre betrachtet aus der Sichtweise in der Sichtweise der Fiktion (des Autors) wird zur eigentlichen Ursache für ein ausgrenzendes System wird ausgehend von einem Bestandteil der verhassten Kultur Nordamerikas gewertet. Es überrascht nicht, dass der Feminismus als Begleiterscheinung der 68er Bewegung als rein egoistische, hartherzige Ausuferung dargestellt wird und Feministinnen den Abscheu der männlichen Hauptfiguren zu spüren bekommen. Feminismus ist für Hollebecq (wie auch die Homosexuellenszene) nur Ausdruck und Spielball einer von Marktgesetzlichkeiten dominierten Subkultur: Die Möglichkeit zur freien Partnerwahl und zum Partnerwechsel verbunden mit Empfängnisverhütung sind hier , wie an anderer Stelle des Romans „Elementarteilchen“ zu lesen, (überdrehtes Verlangen fördernd) die Ursachen für die Zerstörung jeglicher zwischen-menschlicher Emotionalität

Houellebecq bezeichnet die sechziger Jahre als Gipfelpunkt eines historischen Prozesses, der für die Zerstörung der zwischen-menschlichen Beziehungen verantwortlich sei. Es hätte aber auch anders kommen könen, also weder spiessbürgerliche Kleinfamilie, noch ausufernde Libertinage des „freien „ Partnerwechsels, Einbeziehung der Jungend und Kinder in ein wesentlich zarteres, achtsameres Modell der Sexuellen „Befreiung“, das im übrigen noch einer genauen Beschreibung bedurft hätte und bedarf, wie die Eckpfeiler einer kindheitsorientierten Struktur auszusehen hätten

Houellebecq beschreibt, dass sich nach 1968 eine „machine sociale“ noch schneller und unerbittlicher drehe. Demnach habe der Mai 1968 nur dazu gedient, eine „soziale Auslesemachinerie“ zu forcieren. Der „Process der Destruction“bedeutet eine Erosion der Liebessemantik, die durch Umkodierungen von Sexualität bewirkt wurde, Houellebecq bringt die soziologisch beobachteten Individualisierungstendenzen und ihre Konsequenzen (die komplette Ausgrenzung von allen Nichtinvolvierten in das sexuelle Begehren) in Verbindung mit einer Reihe von Umkodierungen von Sexualität, die materielle, biologische und leistungsbezogene Merkmale "Schönheit" und Tierheit (Brutalität in Kriegshandlungen ) in den Mittelpunkt stellen. Die Ersetzung geistiger, (sozialer!) und moralischer Verführungskriterien zugunsten rein körperlicher Kriterien und die Empfehlung der Promiskuität, so Houellebecq, fördern die Erosion der Liebessemantik, an deren Stelle eine materialistische und hedonistische Semantik tritt.

Auch in den übrigen Romanen Houellebecqs ist diese „einseitig“ wirkende Ausrichtung auf die Sexualität, die in der Wahrnehmung der Protagonisten über Lebenssinn oder Nichtsinn entscheidet, festzustellen. Insofern sind wirtschaftlicher und sexueller Liberalismus keine gleichrangigen Systeme, sondern Konstrukte mit klarer Hierarchisierung. Die Spitze d i e s e r Hierarchie bilden die jenigen Beziehungsclans, die „am besten“ den Kriterien von Schönheit und Wohlstand entsprechen, ganz unten in der Hierarchie, die dagegen sich Auflehnenden oder nicht mit halten Könnenden oder Wollenden „Beziehungslosen“, die sich auf diese maschinell ablaufenden Kriterien nicht einlassen können, dürfen oder wollen

Wir halten fest, dass die Protagonisten der Houellebecqschen Romane als Opfer eines gesellschaftsdominierenden Konkurrenz-verhaltens porträtiert werden, das sich auf die Bereiche des Geldes und der Sexualität bezieht und die Möglichkeit dauerhafter echter Liebe (vor allem für alle) ausschließt.

Houellebecq:
In der „Kampfzone“ gibt es keinerlei sexuellen Erlebnisse. (Obwohl gerade in Kriegsgebieten ja so etwas ähnliches wie eine Sieger-Sexualität abläuft, genauer ausgedrückt das genaue Gegenteil von Sexualität in Verbindung mit Liebe . Frauen und Kinder werden nach einem Beuteschema behandelt

Daher rühre das Gefühl totaler Leere. Es kommt aus einer Kampfzone, einem Kriegsgebiet um die Liebe. Im seinem zweiten Buch gibt es Sexualität. Das ändert alles. „Aber diese Leere wissen Sie, ich glaube nicht, dass die Literatur dazu in der Lage wäre, die Welt zu ändern. Aber die Philosophie , die könnte es auf jeden Fall. Wir brauchen eine neue Ontologie. (seinslehre“) Momentan leben wir alle ohne jede Philosophie und Religion. Das gab es eigentlich noch nie in der Geschichte der Menschheit. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin selbst völlig areligiös. Aber diese Leere erklärt zum großen Teil unser aller Unglück“

Wider den Bestialisierungstendenzen der Menschheit? Was zähmt noch den Menschen, wenn der Humanismus als Schule der Menschenzähmung scheitert? Was zähmt den Menschen, wenn seine bisherigen Anstrengungen der Selbstzähmung in der
Hauptsache doch nur zu seiner Machtergreifung über alles Seiende geführt haben? Was zähmt den Menschen, wenn nach allen bisherigen Experimenten mit der Erziehung des Menschengeschlechts unklar geblieben ist, wer oder was die Erzieher wozu erzieht? Oder lässt sich die Frage nach der Hegung und Formung des Menschen im Rahmen bloßer Zähmungs und Erziehungstheorien gar nicht mehr auf kompetente Weise stellen?


Auch in der Gegenwartskultur vollzieht sich der Titanenkampf zwischen den zähmenden und den bestialisierenden Impulsen u ihren jeweiligen Medien. Schon größere Zähmungserfolge wären Überraschungen angesichts eines Zivilisationsprozesses, in dem eine beispiellose Enthemmungswelle anscheinend unaufhaltsam rollt.

Geht es auch Houellebecq um diese Enthemmung und zwar letztlich ebenfalls im Sinne eines wachsenden Gewaltpotentials In seinem Buch „Elementareteilchen“ wird die Ansicht vertreten, dass satanische Praktiken und bestialische Morde eine unmittelbare Folge des zunehmenden Individualismus seien und sich durch die Suche nach immer stärkeren Reizen bzw. dem immer stärkeren Kick erklären ließen. Diese These stützt sich auch auf die Ermordung von Sharon Tate, der Frau Roman Polanskis, die in Kalifornien von Anhängern der Charles Manson Family bestialisch ermordet wurde. Charles Manson sei keineswegs eine "déviation monstrueuse de lexpérience hippie" gewesen, sondern "son aboutissement logique"Auch in der „Possibilitéd une île“ wird die enthemmte Verwilderung und Brutalisierung der letzten Menschen ausführlich beschrieben. Rochlitz verweist auf die für beide Autoren (Huxley –schöne neue welt) und Hollebecq typische Sichtweise der zerstörerischen Kraft einer Moderne, die, als Produkt eines historischen Prozesses, gleichsam un?aufhaltsam entstanden sei:

Die Moderne mit ihrem Individualismus zersetzt die Ordnungen, die das menschliche Leben jahrzehntelang im Zaum hielten. Rom ist bei beiden der zivilisatorische Ausgangspunkt der späteren metaphysischen Mutationen. Bei Autoren beiden ist es aber nicht so, als hätte es in der Macht der Menschen gelegen, diese Zersetzung aufzuhalten. Erst die Katastrophe der verwilderten Moderne bringt die Notwendigkeit und die Möglichkeit einer Umkehr zu Bewusstsein oder zur Lichtungder Voraussagen Aldous Huxleys: aus dem Jahre 1932. Seit dem Jahre 1932 habe die westliche Gesellschaft ohne Unterlass versucht, sich dem Modell Huxleys zu nähern, vor allem durch eine immer präzisere Kontrolle der Zeugung, die zukünftig zur vollständigenTrennung von Zeugung und Sex sowie zur künstlichen Fortpflanzung des Menschen im Labor unter sicheren und zuverlässigen genetischen Konditionen führen werde.
Künstlichkeit und Genetik, Kernbestandteile der Houellebecqschen Utopie werden hier gleichsam als Ziel einer historisch determinierten Entwicklung betrachtet. Es würden folglich Familienbindungen sowie die mit ihnen verbundenen Begriffe der Vaterschaft und der Herkunft verschwinden. Wegen der pharmazeutischen Fortschritte werde es künftig keine Unterschiede mehr zwischen den Lebensphasen geben.

So verrichte in der Welt, die Huxley porträtiere ein sechzigjähriger Mann die gleichen Aufgaben wie ein Zwanzigjähriger, habe das gleiche äußere Erscheinungsbild sowie die gleichen Wünsche und Bestrebungen. Wobei die altersmässige Gleichheitstendenz Tendenz eher „nach unten“ also Richtung 6 Jahre und „nach oben“ Richtung 100 Jahre und mehr gehe. Wenn es schließlich unmöglich werde, gegen das Alter anzukämpfen, sterbe man durch selbstgewählte Euthanasie. Die Gesellschaft, die Huxley in seinem Roman beschreibe, sei glücklich, meint Hollebecq, sie kenne keine menschlichen Tragödien, keine extremen Emotionen mehr. Es bestehe absolute sexuelle Freiheit, die Entfaltung der Persönlichkeit sowie die sinnlichen Gelüste seien durch nichts beschränkt. Zwar blieben noch vereinzelte Anflüge depressiver Verstimmungen und des Zweifels, doch könnte rasch Abhilfe geschaffen werden, da die Wirkung antidepressiver und angstlösender Wirkstoffe entscheidend verbessert worden sei. Huxleys Welt sei eine Idealwelt , in der die Menschen der heutigen Zeit leben möchten

1962 hat Aldous Huxley sein letztes Buch mit dem Titel Island (die Insel) veröffentlicht, dessen Handlung auf einer paradiesischen Insel spiele. Auf dieser Insel, weit entfernt vom Konsum des 20. Jahrhunderts, sei eine autonome, jedoch technologisch hochstehende Zivilisation entstanden, die der Natur große Bedeutung beimesse.Huxley schildere eine friedliebende Gesellschaft, die sich vollständig von familiär begründeten Zwängen und Neurosen gelöst habe. Die Nacktheit sei dort höchst natürlich, Wollust und Liebe könnten frei gelebt werden. Dieses recht mittelmäßige, aber leicht zu verstehende Buch habe seit den 60er Jahren einen großen Einfluss auf die HippieBewegung und die Anhänger der NewAge Bewegung gehabt

ldous Huxley sei in Wahrheit ein Optimist gewesen und habe jedoch die zermetzelnde Bedeutung des „Individualismus“ völlig unterschätzt. Er habe nicht verstanden, dass Sex, sobald man ihn von der Zeugung abkoppele , nicht in erster Linie als Lustprinzip sondern als Prinzip narzistischer Unterscheidung fortbestehe. Mit dem Streben nach Reichtum sei es im Übrigen recht ähnlich. Die sinnliche Begierde sei die Ursachedes steten Leidens, des Hasses und des Unglücks. Die Lösung der Utopisten (einschließlich Huxley) bestehe darin, die direkte Befriedigung der sinnlichen Begierde in Aussicht zu stellen und das damit verbundene Leiden zu stillen oder entscheidend zu mildern. Allerdings sei die von Sex und Werbung durchdrungene zeitgenössische Gesellschaft darauf ausgerichtet, die sinnliche Begierde ins schier Unermessliche zu steigern, wobei deren Befriedigung der Privatsphäre überlassen werde, also keine Kontrolle und.. Subsumierung auch der Kinder in das chauvinistische Ideal des erwachsenen Individualismus)

Für die Aufrechterhaltung des Wettbewerbs (und damit der gesellschaftlichen Ordnung) sei es unabdingbar, dass die sinnliche Begierde stets zunehme, sich ausbreite und das Leben der Menschen
beherrsche.

Gentechnologische Darstellung von Huxley erfährt bei Houllebeq eine Korrektur .In seinen „Elementarteilchen“ wird ständig betont, dass es gerade der Individualismus und der mit ihm einhergehende Egoismus seien, die in einer libertären Gesellschaft den sexuellen Wettbewerb forcieren. Wenn Huxley den Individualismus nach Aussage der beiden Halbbrüder unterschätzt hat, so wird er für Brunos und Michels gescheitertes Leben zu einem maßgeblichen Erklärungsmuster. Entsprechend hebt die gentechnische Utopie am Ende der „Elementarteilchen“ das Versäumnis Huxleys auf, indem sie sich für die Schaffung einer unsterblichen, geschlechtslosen Spezies ausspricht, wodurch der individuelle sexuelle Wettbewerb im Sinne des Prinzips der narzisstischen Unterscheidung seine Bedeutung verliert

Dennoch erfährt auch Huxleys Roman „Island“ in Houellebecqs jüngstem Roman eine Korrektur: Wenn Huxley in Island ein Paradies beschreibt, in dem Wollust und Liebe ungehindert ausgelebt werden können, so liegt nahe, dass er (zumindest wäre dies die Auffassung der beiden Halbbrüder Michel und Bruno) auch hier den Individualismus als 'Prinzip der narzisstischen Unterscheidung unterschätzt

In „La Possibilité dune île“ wird das utopische Element der Insel zwar metaphorisch aufgenommen, Huxleys Entwurf jedoch abgeändert: Den körperlichen Kontakt gibt es nicht mehr, die Neomenschen führen ein passives, freudloses Leben

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Benn
 

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